August 2013: Das Land am Nil steht im Focus der Weltöffentlichkeit. Im Januar 2011 der Sturz des alten Regimes von Hosni Mubarak, der Ex-Präsident im Gefängnis, seine korrupte Elite auf der Flucht. Dann folgte die erste demokratische Wahl, die Machtübernahme durch die Muslimbrüder, und im Sommer 2013 die Absetzung des gewählten Präsidenten Mursi. Seitdem regiert die Gewalt auf Ägyptens Straße. Das Militär hat wieder das Sagen und es scheint, als würde Mubarak - gerade aus dem Gefängnis entlassen und nur noch unter Hausarrest gestellt - ungestraft davonkommen. Und die frühere Elite um den korrupten Ex-Diktator? Ein Blick in die Historie wie alles begann ...

 

 

Im Schatten der Korruption

 

Von Meinrad Heck (Mai 2011, aktualisiert Sept. 2012, August 2013)

 

Interpol ließt nach der Revolution in Ägypten vom Januar 2011 einen flüchtigen Intimus von Expräsident Hosni Mubarak suchen. Hussein K. E. I. Salem ist 77 Jahre alt und war über Jahre immer wieder Gast in Baden-Württemberg. Der frühere Geheimdienstoffizier hatte als Waffenhändler, Ölmagnat und Hotel-Tycoon an der Südspitze des Sinai ein Milliardenvermögen angehäuft. Auch die deutsche Politik und Firmen aus Baden-Württemberg durften in seinem Windschatten von ihm profitieren. Nach mehreren Monaten wurde er in Spanien aufgespürt und steht unter Hausarrest.



















Hussein Salem                                                                                                                                         Foto:privat

Fürs Telefon war diese Geschichte viel zu heiß. Es ging um eine Menge Geld für ein Kraftwerksgeschäft im ägyptischen Alexandria, und es ging um einen reichen arabischen Investor und sein Wohlwollen. Dieses Wohlwollen hatte etwas mit einer sogenannten Finanzierung zu tun. Wohlgemerkt, eine sogenannte – diese sprachliche Einschränkung sei erlaubt. Denn die Geschäftsführerin eines kleinen badischen Tochterunternehmens namens FlowWaste ließ am Nachmittag des 20. November 1998 um 15:16 Uhr ihrem Boss vom Mutterkonzern einen vieldeutigen Brief faxen.


Sie erwähnte darin das Kraftwerksgeschäft, das sie an Land ziehen wollte, und dabei legte sie Wert darauf, das Wörtchen von der Finanzierung in Anführungszeichen zu setzen, als ginge es um etwas ganz anderes.

 

Was immer das bedeuten mochte, ob gar nichts dahintersteckte, ob es ein Wink mit dem Zaunpfahl sein sollte oder womöglich Schmiergeldzahlungen gemeint waren, um an den Auftrag zu kommen – diese Geschichte schien der Dame so brisant, dass sie ihrem Chef ausdrücklich erklärte, sie werde über die besagte "Finanzierung" der Geschäfte mit dem ägyptischen Investor Hussein K. E. I. Salem nur "persönlich" und ausdrücklich "nicht am Telefon" sprechen.


FlowWaste war damals eine kleine Firma im baden-württembergischen Ettlingen bei Karlsruhe. Zu einer gewissen Berühmtheit hatte es die Geschäftsführerin gebracht, weil sie über ihren Onkel, einen FDP-Ehrenvorsitzenden, an die besser verdienenden Liberalen angedockt und bis in die Landesregierung hinauf so gut vernetzt war, dass es schien, als ob mancher Minister schon mal gern nach ihrer Pfeife tanzte. Bekannt geworden war sie aber vor allem, weil sie eigentlich an der kurzen Leine eines gewissen Manfred Schmider laufen durfte.

 

Dieser Manfred Schmider hatte mit einem seinerzeit legendären Unternehmen namens FlowTex in Baden-Württemberg den größten Wirtschaftsbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte hingelegt. Er hatte fantastische Geschäfte mit kreditfinanzierten Hightech-Bohrgeräten gemacht, die gar nicht existierten, und dabei mehr als hundert Banken und Leasingunternehmen um knapp 1,1 Milliarden Euro erleichtert. Später sollte er deshalb für siebeneinhalb Jahre in den Knast wandern.

 

An jenem Novembertag des Jahres 1998 durfte Manfred Schmider im Musterland Baden-Württemberg aber noch als ein visionärer Vorzeigeunternehmer gelten, und Hussein Salem war ein viele hundert Millionen Dollar schwerer Investor, für dessen Vergangenheit sich kaum einer interessierte. Er war gerade dabei, in Scharm El-Scheich an der Südspitze des Sinai ein Luxushotel nach dem anderen zu eröffnen. Er sollte später mit Israel Erdgasgeschäfte in einem Volumen von 2,5 Milliarden US-Dollar machen. Wegen dieses Deals konfrontiert ihn jetzt die nachrevolutionäre ägyptische Justiz mit massiven Korruptionsvorwürfen. Ende Januar 2011 verließ Salem eilends Kairo, was ihn am 22. April als "flüchtig" auf die "Wanted-Liste" von Interpol brachte. Die ägyptische Justiz hat sein Vermögen eingefroren, einen nationalen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt und Interpol um Hilfe gebeten.


In jenen Novembertagen 1998 aber galt Salem vor allem als Erdölmagnat. Er wollte seine riesige Raffinerie bei Alexandria nördlich von Kairo (Foto) mit einem neuen Gaskraftwerk unabhängig von der öffentlichen Stromversorgung machen. Dieses Gaskraftwerk sollte die Flowtex-Tochter FlowWaste zusammen mit Siemens bauen. Und es gelang mithilfe des damaligen liberalen baden-württembergischen Wirtschaftsministers Walter Döring tatsächlich, diesen Auftrag aus Ägypten an Land zu ziehen.

 

Hussein Salem, so wurde gemunkelt, habe in Kairo Kontakte auf allerhöchster Ebene. Das war eher eine Untertreibung. Er war und ist vermutlich heute noch einer der besten Freunde von Präsident Hosni Mubarak. Ägyptische Medien bezeichnen ihn als den "Front Man" oder "das Double" Mubaraks. Eingeweihte wissen zu berichten, die beiden hätten sich in jenen aus ihrer Sicht besseren Tagen vor der ägyptischen Revolution vom Februar 2011, als Mubarak noch nicht in Haft und Salem noch nicht auf der Flucht war, einmal pro Woche zu Squash und Backgammon in ihren Residenzen am Roten Meer getroffen.

 

Ihre Männerfreundschaft geht zurück in die 1970er-Jahre, als im US-amerikanischen Camp David mit dem Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten Weltgeschichte geschrieben wurde. Beide durften an dieser Geschichte mitschreiben – Mubarak als Vizepräsident unter Anwar as-Sadat, Hussein Salem als Waffenhändler und Mitglied des ägyptischen Militärgeheimdienstes.

 

Dass Tel Aviv und Kairo Frieden schlossen, war nur ein Teil des Deals. Der zweite hatte wiederum mit sehr viel Geld und mit noch mehr Waffen zu tun. Ägypten löste sich damals aus dem sowjetischen Einflussbereich und geriet unter die Fittiche der USA. Im Gegenzug gab es modernstes Kriegsgerät. Das Land erhielt ab 1979 US-Militärhilfe über 1,5 Milliarden Dollar und kaufte dafür in den Staaten Panzer, Flugzeuge, Raketen und Munition aus amerikanischer Produktion. Das Material musste nur irgendwie über den Großen Teich geschippert werden, und das war die Stunde Hussein Salems.

 

Salem hatte mit dem Ex-CIA-Agenten Thomas Clines im August 1979 in Falls Church im US-Bundesstaat Virginia eine "Egyptian American Transport and Services Corporation" (Eatsco) gegründet, 51 Prozent des Kapitals gezeichnet und dank seiner exzellenten Beziehungen "on the highest level" vom Pentagon den Exklusivauftrag zum Transport der Waffen nach Kairo erhalten. Auch das war nur ein Teil der Wahrheit. Kairos Waffendepots füllten sich einerseits mit modernem Kriegsgerät aus den USA, mit Phantom-Jets, tausenden von Luft-Luft-Raketen, F-16-Kampfflugzeugen, hunderten von Panzern, Panzerabwehrraketen oder Herkules-Transportflugzeugen. Aber so wie sich diese Depots mit neuem Material füllten, wurde das alte Gerät aus Sowjetzeiten von Kairo verhökert.

 

Verlässliche Zahlen dazu gibt es im Archiv des Internationalen Instituts für Friedensforschung (SIPRI) in Stockholm. Demnach lieferten die Ägypter mindestens 30 ausrangierte Sowjetpanzer aus ihren Beständen nach Bangladesch, ab 1981 mindestens 250 Tanks in den Irak, der sie im Krieg gegen den Iran einsetzte. 65 Panzer und 75 SAM-Luftabwehrraketen gingen ins später vom Bürgerkrieg geplagte Somalia. Auf der weiteren Kundenliste schwerer Sowjetwaffen aus ägyptischen Depots standen Ruanda, Kamerun, Kongo, der Sudan und selbst die USA. Die US-Streitkräfte erhielten während des Kalten Krieges über Kairo 1981 heiß begehrte Technologie des damaligen Erzfeindes UdSSR. Beispielsweise vier seinerzeit hochmoderne Kampfjets vom Typ MiG 23, um sie beim eigenen Pilotentraining "als Feindflugzeug" zu benutzen.

 

Welche exakte Rolle bei diesen Deals jener Hussein Salem und der spätere Präsident Hosni Mubarak gespielt haben, wollen jetzt ägyptische Oppositionelle von der Justiz in Kairo klären lassen. Denn beide Männer genossen seit Camp David eine besonders lukrative Geschäftsverbindung. Dahintergekommen waren zunächst das FBI und ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses im Jahr 1984. Und das war eher ein Kollateralschaden gewesen.

 

Der Ausschuss und FBI-Agenten hatten sich mit illegalen Waffentransporten der Reagan-Administration beschäftigt, vor allem mit der sogenannten Iran-Contra-Affäre. Dabei hatten sie Archive durchstöbert und waren eher am Rande auf Hussein Salem gestoßen.

 

Seine Waffentransportfirma Eatsco wurde plötzlich als Betrugsunternehmen enttarnt. Salem konnte nachgewiesen werden, dass er zwischen 1979 und 1981 als exklusiver Waffentransporteur dem Pentagon in 34 Fällen überhöhte Rechnungen gestellt und die US-Regierung um knapp acht Millionen Dollar betrogen hatte. Auf mehreren tausend Seiten dokumentierte der Kongress-Ausschuss diese Untersuchungen (Ausriss unten, Dokumente dazu aus dem US-Archiv der George Washington Universität von nsarchive.org).


Die Story war zwar nur eine Randnotiz der weit spektakuläreren Iran-Contra-Affäre, doch für Insider ging der Fall als Eatsco-Skandal in die US-Geschichte ein. Denn er war besonders brisant, weil Hosni Mubarak nach Sadats Ermordung im Oktober 1981 Ägyptens neuer Präsident geworden war. Die Eatsco-Rechtsanwälte erklärten damals der US-Regierung, einer historischen Abhandlung des US-Professors Alan A. Block von der Pennsylvania State University zufolge, unmissverständlich, diese Betrugsermittlungen gegen den Mubarak-Freund könnten die Beziehungen zu Ägypten "belasten" und allzu viele Details könnten "peinlich" für Mubarak werden.


Also endete die Untersuchung vor einem Zivilgericht mit einem mehr als günstigen Vergleich. Salem bekannte sich im Juli 1983 schuldig, musste bescheidene 20 000 US-Dollar Strafe bezahlen und erklärte sich bereit, der US-Regierung 3,02 Millionen US-Dollar zurückzuerstatten. Damit war die Geschichte vom Tisch.

 

Hussein Salem aber hatte schon Jahre zuvor vorgesorgt. Sein Schlupfloch lag am Genfer See, und das hatte etwas zu tun mit einem sehr weit zurückliegenden Vorgang im Jahr 1974. Am Mittwoch, dem 14. August jenes Jahres, betrat ein 41 Jahre junger Mann am Genfer See den mondänen Sitz einer großen Schweizer Bank, wies sich mit einem wenige Monate zuvor in Kairo ausgestellten ägyptischen Pass mit der Nummer 234800 als Hussein Kamal Eddine Ibrahim Salem aus und eröffnete ein Nummernkonto.

 

Es sollte in den folgenden Jahrzehnten vor allem einem Zweck dienen: nämlich dort die Millionensummen Schmiergeld aus den in Arabien weit verbreiteten sogenannten Kommissionen zu parken. Von diesem Konto würde Jahrzehnte später eine Spur nach Baden-Württemberg führen. Und das wäre Hussein Salem, einem der einflussreichsten Männer Ägyptens, beinahe zum Verhängnis geworden.


























                                                      Das Geheimkonto mit den Gründungsunterlagen des mächtigen Ägypters und die Dokumente dazu.


Dubiose Konten

 

Diese eine Unterschrift machte ihn zu einer Nummer. Das war Sinn der Sache. Ein Nummernkonto bei der Swiss Credit Bank, besser bekannt unter ihrem französischen Namen Credit Suisse. Eines der mächtigsten und verschwiegensten Geldinstitute auf dem Globus. Es war Mittwoch, der 14. August 1974, als Hussein Kamal Eddine Ibrahim Salem mit seiner Ehefrau – knapp drei Monate vor seinem 41. Geburtstag – die Filiale der Credit Suisse am Genfer See betrat, einen ägyptischen Pass mit der Nummer 234 800 vorlegte und in krakeliger Schrift seine Signatur unter ein paar Papiere kritzelte.

 

Ob er wünsche, dass die Bank seine Kontoauszüge an seine Heimatadresse in Kairo schicke, wurde er noch gefragt. Die Frage war überflüssig. Nein, alle Korrespondenzen bezüglich des geheimen Kontos seien selbstverständlich in seinem privaten Bank-Schließfach am Genfer See zu deponieren. Hussein Salem verließ die Credit Suisse als Nummer 750 191. Es würde fortan keine Korrespondenz mehr unter seinem wirklichen Namen geben, sondern nur noch unter dieser Ziffernfolge. Sie würde ihn zu einem sehr reichen und für die folgenden 36 Jahre sehr mächtigen Mann machen.

 

Hussein Salem besetzte Schlüsseltechnologien. Er begann, wenige Jahre nachdem er sein Konto eröffnet hatte, US-Waffen für teures Geld nach Ägypten zu verschiffen. Er stieg ins Öl- und Erdgasgeschäft ein. Die Energiebranche gehörte zu seinem Portfolio und der boomende Zweig der Tourismusindustrie. Der Deal aber, der diesem mächtigen Ägypter viele Jahre später beinahe zum Verhängnis wurde, spielte in Baden-Württemberg.

 

Er wurde im Februar 1998 in Karlsruhe eingefädelt. Salem war mit seinem Team aus Kairo nach Baden-Baden geflogen. Die eifrige Managerin der später als Skandalfirma berühmt gewordenen FlowTex-Tochter FlowWaste hatte ihre liberalen Beziehungen spielen lassen und den damals amtierenden baden-württembergischen Wirtschaftsminister Walter Döring in die Geheimverhandlungen eingebunden. Döring war am Tag nach dem Treffen mit Salem so beeindruckt, dass er seine emsige Parteifreundin mit "bestem Dank" schriftlich wissen ließ, er werde fortan, wenn es sich einrichten ließe, "bei allen Geschäftsterminen, bei denen Sie meinen, dass meine Anwesenheit behilflich sein kann, gerne zugegen sein".

 

Hussein Salem stellte einem deutschen Firmenkonsortium aus FlowWaste im badischen Ettlingen und der Siemenstochter KWU-Kraftwerksunion in Erlangen einen 270-Millionen-Mark-Vertrag in Aussicht. Es ging um den Bau eines Gaskraftwerks zur Stromversorgung seiner Erdölraffinerie Midtap in Alexandria. Dabei nahm auch die merkwürdige sogenannte Finanzierung, die sich Salem für das Geschäft gewünscht hatte und über die jene eifrige liberale Managerin partout "nicht am Telefon" reden wollte, nach der Vertragsunterzeichnung im Folgejahr Gestalt an.

 

FlowTex-Fahnder lassen Salems Nummernkonto auffliegen

 

In vier Einzelbeträgen gingen beim FlowTex-Chef Manfred Schmider auf dem Konto seiner geheimen Liechtensteiner Seloma-Stiftung mehr als vier Millionen Schweizer Franken von einem Nummernkonto 750 191 der Credit Suisse ein. Nachdem der FlowTex-Milliardenbetrug im Jahr 2000 geplatzt war, stießen deutsche Finanzermittler auf dieses Geheimkonto und wollten per Rechtshilfeersuchen wissen, wer der Kontoinhaber ist. Der mächtige Mann aus Ägypten hatte sich mit den falschen Geschäftspartnern eingelassen. Sein Nummernkonto war aufgeflogen.

 

Deutsche und Schweizer Fahnder beschafften sich Salems sämtliche Kontobewegungen des Jahres 1999. Spätestens seit dem Sommer 2000 wussten sie, wie viel Geld auf dieses Nummernkonto allein in einem Jahr geflossen war. Und aus dem inneren Beraterkreis um Hussein Salem war auch nach außen gedrungen, wofür dieses Konto eigentlich seit 1974 eingerichtet worden war: für die in Arabien so gängigen Kommissions-Zahlungen – der vornehme Ausdruck für Schmiergeld.

 

In der Schweiz gingen zig Millionen an Schmiergeldern ein

 

31 sogenannte Payments an den ägyptischen Geschäftsmann summierten sich 1999 auf knapp 44,5 Millionen US-Dollar, auf einem in Euro geführten Konto fanden sich weitere Einzahlungen über 6,5 Millionen. Für diese Summen interessierten sich die Fahnder jedoch nicht. Sie wollten nur wissen, ob Salem auch an den FlowTex-Betrüger gezahlt hatte. Tatsächlich waren an Schmider aus dem Kraftwerksgeschäft Kickbacks von mehr als vier Millionen Schweizer Franken zurückgeflossen, weil er den Kontakt zu Siemens hergestellt hatte. Diese Erkenntnis genügte den Ermittlern, und dabei übersahen sie ein weiteres Detail.

 

Salem hatte über sein ägyptisches Unternehmen namens Midelec bei FlowWaste und Siemens den Bau des Gaskraftwerk zur Stromversorgung seiner Ölraffinerie Midtap bei Alexandria in Auftrag gegeben. Die Vertragsunterzeichnung erfolgte im Mai 1999 in Kairo. Am 4. Oktober 1999 wurden vom FlowWaste-Firmenkonto mit der Nummer 2 342 081 bei der Bayerischen Vereinsbank 7,99 Millionen D-Mark mit dem Verwendungszweck "lt. Schreiben Midelec im Zusammenhang mit Siemens-Vertrag" nach Ägypten überwiesen. Plötzlich erhielt die Firma, die den Auftrag ausführte, kein Geld, sondern sie zahlte. Aber warum und wofür?


Unmittelbar danach, am 6. und 26. Oktober, flossen zwei weitere "Payments" auf Salems Nummernkonto bei der Credit Suisse. 2,53 und danach noch einmal mehr als 1,67 Millionen US-Dollar (Ausriss). FlowWaste hatte nach damaligem Kurs umgerechnet 4,37 Millionen Dollar nach Ägypten transferiert. Kurz danach gingen auf Salems Nummernkonto 4,206 Millionen Dollar ein.

 

Zufall? Oder die laut Salems Beraterkreis in Arabien so gängigen Kommissionen? FlowWaste konnte die Zahlung seinerzeit nicht erklären. Siemens betonte auf Anfrage, für diesen Auftrag weder direkt noch indirekt jemals Schmiergeld bezahlt zu haben. Der FlowTex-Milliardenbetrug wurde juristisch abgewickelt. Siemens blieb von weiteren unangenehmen Nachfragen verschont. Hussein Salem blieb weiterhin ein schwerreicher und angesehener Geschäftsmann, der in Genf auf Einladung der Vereinten Nationen an Business-Fachtagungen teilnehmen durfte. Schweizer Behörden ließen sein Vermögen im Jahr 2000 unangetastet. Auch jetzt, elf Jahre danach, nachdem die Revolution in Ägypten gesiegt hat und der Despot Mubarak hinter Gittern sitzt, hat die Schweiz zwar 2011 Mubaraks Milliardenvermögen eingefroren, das von Hussein Salem jedoch zuerst nicht angetastet. Erst im September 2012, mehr als anderthalb Jahre nach seiner Flucht, wurden seine Konten in der Schweiz offiziell eingefroren.

 

Seine Fünfsternehotels an der Südspitze des Sinai hatten zuletzt geboomt. Betreiber war lange Zeit die Schweizer Mövenpick-Gruppe gewesen. Wann immer ein Nahost-Friedensgipfel einberufen wurde, wann immer Könige oder Präsidenten rund um den Globus dazu anreisten, sie wohnten und tagten in Hussein Salems Hotelkomplex am Roten Meer. Hosni Mubaraks Privatresidenz in Scharm el-Scheich, in der er mehr Zeit verbrachte als im Präsidentenpalast in Kairo, sie gehörte Hussein Salem. Als sich in Ägypten die Revolution auf dem Tahrir-Platz ankündigte, war es Zeit für ihn, zu gehen.

 

Mit 500 Millionen US-Dollar die Flucht angetreten?

 

Wenige Tage vor dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar verließ Hussein Salem am 29. Januar Kairo, übereinstimmenden Medienberichten zufolge in einem Privatjet mit Ziel Dubai. Dort soll ihn die Flughafenpolizei vorübergehend festgenommen haben, weil er 500 Millionen US-Dollar in bar mit sich geführt habe. Die Höhe des Betrages verblüfft Insider nicht gerade. Doch für den Transport einer solch aberwitzigen Summe Bargeldes wären etwa 50 Koffer nötig gewesen.

 

Wenn diese verrückt anmutende Story, die sich hartnäckig hält, überhaupt stimmt, gehen Beobachter davon aus, dass es sich nicht um Bargeld, sondern eher um US-Schatzanweisungen gehandelt haben könnte, die wie Bargeld behandelt werden, aber nicht in 1000er-Banknoten, sondern in einer 100-fach höheren Stückelung von 100 000 Dollar verfügbar sind. Dafür hätte womöglich ein Koffer genügt. Salem durfte Dubai mit unbekanntem Ziel wieder verlassen. Ob mit oder ohne Geld, lässt sich nicht zweifelsfrei klären.

 

Sein in Großbritannien registrierter Privatjet vom Typ Falcon 2000 des französischen Herstellers Dassault mit der Kennung G-EDHY war von einem flugbegeisterten Hobbyfotografen, einem sogenannten Planespotter, zufällig am 30. Januar – einen Tag nach Salems Abreise aus Kairo via Dubai – exakt um 16.03 Uhr bei der Landung auf dem Flughafen in Genf fotografiert worden. Wer tatsächlich an Bord war, ist nicht bekannt. Der Jet im Eigentum einer auf der Insel Guernsey unter der Nummer 34 215 registrierten und von Salems Genfer Rechtsanwalt geleiteten Offshore-Firma namens Victoria Aviation Limited tauchte anschließend noch mehrfach auf europäischen Radarschirmen auf, unter anderem in Rumänien, Frankreich und im südspanischen Málaga. Die Maschine wurde am 7. April bei der britischen Luftfahrtbehörde offiziell abgemeldet und fliegt seitdem unter der Kennung Albaniens. Kurz zuvor war gegen Salem in Ägypten ein Haftbefehl erwirkt worden.

 

Privatjet bei Baden-Baden gesichtet

 

Salems Privatjet war in Baden-Württemberg, gesicherten Informationen zufolge, zuletzt am 23. September und am 1. Oktober vergangenen Jahres auf dem Regionalflughafen bei Baden-Baden gesichtet worden. Es gibt sehr vage, nicht belegbare Gerüchte, dass er auch nach seiner Flucht aus Kairo in Deutschland gewesen sein könnte. Reporter der Zeitung "Le Monde" wollen herausgefunden haben, dass er für Ende Januar zwar in Genf ein Hotel gebucht hatte, tatsächlich aber ein deutsches Ziel ansteuerte.

 

Wo sich Hussein Salem derzeit tatsächlich aufhält, ist unbekannt. Die Justiz in Kairo hat sein Vermögen in Ägypten einfrieren lassen und ihn Ende März wegen Korruptionsverdachts vor dem Hintergrund eines milliardenschweren Erdgasgeschäfts mit Israel zur Fahndung ausgeschrieben. Bei dem Deal sollen zwei Söhne Mubaraks bestochen worden sein. Die Justiz legt Salem überdies zur Last, das Erdgas an Israel deutlich unter dem Weltmarktpreis verkauft und so den Staat Ägypten um mehr als 700 Millionen Dollar geschädigt zu haben. Seit 22. April steht er deshalb auf der Wanted-Liste von Interpol.

 

Ende April dieses Jahres kam es am Flughafen Kairo zu einem spektakulären Fund, den ägyptische Medien als eine wahre James-Bond-Nummer beschreiben. Ägyptische Zöllner öffneten und beschlagnahmten einen verdächtigen, drei Tonnen schweren Frachtcontainer, der von einem Palästinenser im Auftrag einer saudischen Prinzessin aufgegeben worden war. Sie fanden zahlreiche historische ägyptische Artefakte, persönliche Unterlagen und Fotos von Hussein Salem. Als Hintermann dieses Auftrages vermuten ägyptische Behörden deswegen den flüchtigen Geschäftsmann, der über Strohmänner seinen Privatbesitz in Sicherheit habe bringen wollen. Der Container war an einen Prinzen im saudi-arabischen Riad adressiert. Der Mann bekleidet dort eine außergewöhnlich einflussreiche Position: Er ist Chef des saudischen Geheimdienstes. Die Untersuchung dieses Falles ist noch nicht abgeschlossen.

 

Ehemalige FDP-Geschäftsfreunde arbeiten jetzt für Umweltfirmen

 

Deutlich unspektakulärer verlief dagegen die weitere Karriere von Salems ehemaligen baden-württembergischen Geschäftsfreunden, die unfreiwillig die Spur zu dessen millionenschweren Konten in der Schweiz gelegt hatten. Jene Geschäftsführerin mit ihren bestens vernetzten FDP-Kontakten, die für das Betrugsunternehmen FlowTex über die angebliche "Finanzierung" von Salems deutsch-ägyptischem Kraftwerksdeal geheimnisvoll "nicht am Telefon" sprechen wollte und deren früheres Unternehmen seinerzeit mehrere Millionen D-Mark nach Ägypten transferierte, hat mittlerweile ihr Herz für die Umwelt entdeckt. Sie leitet ein windkraftorientiertes kommunales Stromversorgungsunternehmen im Zentrum Baden-Württembergs.

 

Das Herz des früheren baden-württembergischen Wirtschaftsministers Walter Döring, der zum liberalen Netzwerk der Dame gehört hatte und der für die Ägypten-Geschäfte so hilfreich gewesen war, schlugt zwischenzeitlich ebenfalls für die Umwelt. Er ist eigenen Angaben zufolge seit 2004 Mitglied des Präsidiums der deutsch-arabischen Handelskammer (Ghorfa) und war unlängst in den Vorstand eines privaten schwäbischen Windkraftunternehmens eingestiegen. Dieser Aktiengesellschaft half er unter anderem, an der Stuttgarter Börse über eine Unternehmensanleihe von Privatanlegern eine zweistellige Millionensumme einzusammeln. dort ist er mittlerweile wieder ausgestiegen, steht alledings wie auch die Emittenten der "Windigen Anleihen" wegen Verdachts auf Bilanzbetrug mal wieder im Focus der Staatsanwaltschaft.

 

PS:

 

Im Juni 2011 wurde Hussein Salem von spanischen Behörden in Madrid verhaftet. Er besitzt auch die spanische Staatsbürgerschaft und war dorthin geflohen. Laut Haftbefehl der "Administracion de Justica" vom 17. Juni 2011, wurden auf den Konten seiner Familie 18 Millionen Euro eingefroren. Auch die Spur, wonach sein Firmenjet nach Albanien verkauft worden war, erhärtete sich. Mit Salem wurde der türkisch-albanische Geschäftsmann Ali Evsen, Besitzer der Albanien Airlines, vorübergehend festgenommen und später wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei Evsen wurden ebenfalls 18 Millionen Euro eingefroren. Hussein Salem steht seitdem in Madrid unter Hausarrest. Mehrere Versuche der ägyptischen Justiz, ihn nach Kairo ausliefern zu lassen, lehnte Spanien mit Verweis auf Salems spanischen Pass ab. In den Schriftsätzen dazu kamen aber auch die umfangreichen Geldströme der Salem Familie, von denen in diesen spanischen Gerichtsdokumenten behauptet wird, sie gingen in die Milliarden, ans Tageslicht.


Eine weitere Spur mit vermuteten Geldsverschiebungen entdeckten investigative Reporter des "Organized Crime and Corruption Reporting Projects" OCCRP mit Sitz in Bukarest (>>> "Die Jagd nach Ägyptens Geld - The Hunt for Egypts Money"). Sie enttarnten eine verdeckte Salem-Firma namens "Clelia Asset Corp" mit Sitz in Panama. Dort tauchten die Namen von Salems Genfer Rechtsanwalt und die seiner Kinder auf. Auch in Bukarest schien es umfangreiche Geldtransfers gegeben zu haben. OCCRP recherchierte in Rumänien die Hintermänner Salems und manche der Geldströme (Source: OCCRP-Researchers).

 

In den Monaten danach versuchte Salem mit den Ägyptern einen Handel: Er will dem ägyptischen Staat, der ihn in Abwesenheit gemeinsam mit Ex-Präsident Hosni Mubarak zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt hat, freiwillig die Häfte seines Milliardenvermögens überlassen, wenn im Gegenzug dier Korruptionsvorwürfe fallengelassen werden. Der Ausgang dieses Deals ist noch offen. Die Schweiz hat nach vielen Monaten erst das Vermögen Salems und seiner Familie im September 2012 gesperrt. Kritiker erklären, vor diesem Zeitpunkt seien seine Millionen längst außer Landes geschafft worden. Mediengerüchten zufolge soll Salem aus dem Ausland jene Demonstrationen mitfinanziert haben, die zum Sturz des Mursi-Regimes und der Machtübernahme durch die Armee führte. Mittlerweile verhandelt der Tycoon über seine - straffreie - Rückkehr nach Ägypten.